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Spiritualität im Alltag

Viele Menschen wenden sich heute von der Kirche, von der Religion ab. Das Religiöse können wir aber auch unabhängig von jeder Kirche erleben. Zu lernen, Religiosität im eigenen Tun zu finden, das könnte eine große Bereicherung für Familie und Gesellschaft sein. Die Hausarbeit, ja das Putzen, bietet Gelegenheiten genug, um unser Handeln zu einem Gottesdienst werden zu lassen – so, wie auch eine Mahlzeit zur Kommunion werden kann, wenn die Einstellung dazu stimmt.

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Beispielsweise können wir versuchen, uns ein Bild davon zu machen, wo eigentlich unser Essen herkommt, was nötig ist, um etwa eine Karotte wachsen zu lassen. Wie viele Kräfte müssen sich doch zusammenfinden, damit wir unser Essen – und sei es nur ein Löffel Honig – auf dem Tisch haben können! Sehr oft wünscht man sich am Tisch: Gesegnete Mahlzeit! In der Türkei kommt noch etwas sehr Schönes hinzu: Mögen deine Hände gesund bleiben! Das wünscht man der Person, welche die Mahlzeit zubereitet hat. Bereits bei solchen Worten herrscht eine Stimmung der Dankbarkeit am Tisch.

Die Hausarbeit als Kultus im Alltag ist nichts Neues – wir müssen es nur neu entdecken. Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Gebet von Theresa von Avila (1515–1582), das ich als Geschenk einer hoch betagten Oberin in einer Klosterschule in Österreich erhielt:

Herr der Töpfe und Pfannen,
ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein
und dir zum Wohlgefallen in der Nacht zu wachen.
Mache mich zu einer Heiligen,
indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche.
Die Stunde des Gebets ist vorbei,
bis ich mein Geschirr vom Abendessen gespült habe.
Herr der Töpfe und Pfannen, bitte,
darf ich dir anstatt gewonnener Seelen
die Ermüdung anbieten, die mich ankommt
beim Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen.
Erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse,
nicht nur um Wege zu sparen,
sondern damit mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde.

Diese Gesinnung scheint immer mehr an Aktualität zu gewinnen, wenn man die Vielzahl von Büchern, Vorträgen und Artikeln zum Thema Der Alltag als Schulungsweg anschaut. Ein Spruch aus einem Gebetbuch der Quäker aus dem 18. Jahrhundert sagt etwas ähnliches:

Lehre mich, mein Gott und König,
zu sehen Dich in jedem Ding
und dass in allem, was ich tue,
ich Deiner gegenwärtig bin.
Zu dienen unter diesem Zeichen,
macht göttlich die Alltäglichkeit.
Wer Böden wischt in Deiner Ehre,
erreicht’s in Tat und Wirklichkeit.

All unser Handeln kann ein Gottesdienst werden, ein Dienst an der Menschheit und ein Dienst an der Gottheit. Das Rituelle, das Kulturelle in der Arbeit gibt uns Kraft und wirkt heilend, segnend – wo auch immer man tätig ist, ob für andere Menschen oder die Natur.

Im Buddhismus sind die Schritte der Achtsamkeit und Pflege ein wesentlicher Teil des Schulungsweges. Auch in anderen Kulturen gibt es dieses Streben.

Was macht die Arbeit zum Kultus im Alltag, wie wird die Arbeit zu einem Sakrament und was beinhaltet das? Der Kultus verbindet das Geistige mit der physischen Substanz. Wir können selbst wahrnehmen, wie uns Kräfte zuströmen, wenn wir in dieser Gesinnung arbeiten. Eine Kraft kommt uns zu, die wir dann auch weitergeben können.

Ich besuchte einmal einen Kurs zur Kompostierung und lernte, wie alle Naturreiche – Mineralien, Pflanzen und Tiere – etwas zum Kompost beitragen. Der Mensch aber düngt mit seinem Geist, mit den Gedanken, die er denkt, während er beispielsweise die biologisch-dynamischen Präparate rührt und über das Feld verteilt. Als ich einmal bei Sonnenaufgang zuschaute, wie ein Landwirt mit voller Hingabe und Andacht in seinem Gemüsegarten umherging, während er mit rhythmischen Bewegungen das Präparat verteilte, erlebte ich ein tief religiöses Tun.

Die Andacht zum Kleinen und zum Kleinsten können wir immer als Schulungsaufgabe betrachten. Wir können lernen, uns ganz demjenigen zuzuwenden, dem das Handeln gilt – ob Mensch oder Ding. Weil ein Ding ja eigentlich immer für einen Menschen da ist, wendet man sich letztendlich durch das Ding an einen Menschen.

Wollen wir einen Raum oder ein Objekt wirklich gut pflegen, so muss es ganz genau wahrgenommen werden. Wenn wir mit Interesse einen Raum beobachten, können wir oft über das, was wir dort entdecken, staunen. Und einem Menschen gegenüber können wir uns bemühen, ihn wirklich zu verstehen, ihm Mitleid statt einem Urteil (oder Vorurteil) entgegenzubringen. Zum Beispiel dann, wenn ich einem Menschen helfen will, der die Fähigkeit, selbst aufzuräumen, verloren hat. Hier führt das Interesse an allem, was diesen Menschen umgibt, dazu, immer besser verstehen zu können, wie es so weit kommen konnte – und das kann einen dann mit wirklichem Mitleid erfüllen. Das wiederum schafft Dankbarkeit dafür, dass einem dieses Schicksal erspart geblieben ist. Und Dankbarkeit wiederum schenkt Lebensfreude und Gesundheit.

In dem bulgarischen Märchen Eine Samodiva versorgt weder Haus noch Kind gibt es einen Satz, den man leicht Menschen übersehen kann, der mir jedoch wesentlich erscheint. Das Märchen erzählt von einem jungen Hirten, der drei Mädchen beim Baden zusieht und dann beobachtet, wie sie nachher ihr Samodivenkleid anziehen und davonfliegen. Es gelingt ihm später, einer der drei Samodiven ihr Kleid wegzunehmen. Jetzt kann sie nicht mehr davonfliegen. Und er nimmt sie als seine Frau mit nach Hause. Sie aber warnt ihn eindringlich, dass eine Samodiva keine gute Frau und Mutter sein könne, weil sie weder Haus noch Kind versorge. Und doch sagt das Märchen: Nachdem sie zu der Schwiegermutter gekommen war, begann sie sich zu regen und aufzuräumen, und das ganze Haus leuchtete von ihr. Da freuten sich die Schwiegermutter und ihr Sohn, und Glücklichere als sie, gab es nicht.

Ist es nicht bemerkenswert, dass ihre erste Tat als Mensch die fürsorgliche Pflege war, die ihr Haus zum Leuchten brachte?

Früher war es Brauch, dass die Hausfrau frühmorgens beim Schüren des Feuers im Herd einen Spruch sagte. Ein schottisches Märchen erzählt von einem fleißigen Mädchen, das jeden Morgen folgendes sprach:[3]

Anzünden will ich mein Feuer heut‘ morgen

In Gegenwart der heiligen Engel,

In Gegenwart Ariels schönster Form,

In Gegenwart Uriels unzähliger Tugend,

Ohne Arg, ohne Eifersucht, ohne Neid,

Ohne Furcht, ohne Gewalt gegen alles unter der Sonne.

Gott, zünde Du in meinem Herzen künftig

Eine Flamme der Liebe zu meinem Nachbarn,

Zu meinem Feind, meinem Freund und den Verwandten,

Zu den Guten wie zu den Schurken …

O segne das Feuer des Herdes.

In den Evangelien lesen wir, dass Christus die Dämonen austreibt. Auch wir können lernen, die Dämonen aus den Verhältnissen auszutreiben, die uns umgeben. Das können wir, indem wir etwa durch Dankbarkeit als Grundstimmung eine veränderte Einstellung zu unserem Tun entwickeln. Das gilt vor allem dort, wo wir in sozialen oder pflegenden Berufen tätig sind. Auch wenn wir putzen, sind wir im Sozialen tätig. Wir helfen damit, eine soziale Grundlage zu bilden – ob in Schulen, heilpädagogischen Heimen, in Altersheimen, und so weiter.

Eine der Aussagen Rudolf Steiners[4], die mich ganz tief beeindruckt hat, betrifft die Liebe, genauer die Liebestat:

Wir verstehen unter Karma dasjenige, was in dem einen Leben die Ursache ist und seine Wirkung im nächsten Leben hat […].

Taten der Liebe jedoch sind solche Taten, die zunächst nicht ihren Ausgleich im nächsten Leben suchen. Alles, was wir aus Liebe tun, stellt sich so heraus, dass wir damit Schulden bezahlen! Okkult gesehen bringt alles, was aus Liebe geschieht, keinen Lohn, sondern ist Ersatzleistung für bereits verbrauchtes Gut. Die einzigen Handlungen, von denen wir in der Zukunft nichts haben, sind diejenigen, die wir aus echter, wahrer Liebe tun. Man könnte erschrecken über diese Wahrheit. Zum Glück wissen die Menschen in ihrem Oberbewusstsein nichts davon. In ihrem Unterbewusstsein aber wissen es alle Menschen, darum tun sie so ungern die Taten der Liebe. Unseren Wert aber für die Welt müssen wir lediglich in den Taten der Liebe sehen, nicht in den Taten der Selbstvervollkommnung.

Ein wunderbares Beispiel für das Religiöse einer Tätigkeit spielte sich in einem heilpädagogischen Heim für schwer behinderte Jugendliche ab. Während einer Besprechung fiel mir eine Dame durch ihre aufrechte Haltung und ganz besondere Ausstrahlung auf. Ich nahm an, dass sie eine Therapeutin war, erfuhr aber, dass es sich um die Reinigungshilfe handelte, die dort bereits seit 23 Jahren eines der Wohnhäuser reinigte. In diesem Haus wohnten fünf Jungen zwischen zwölf und siebzehn Jahren. An einem Nachmittag fand eine Sitzung statt, und alle Mitarbeitenden hatten für diese Sitzung bereits das Haus verlassen. Eine Seminaristin sollte die behinderten Jugendlichen abholen und in die Werkstatt begleiten. Bevor sie aber dort ankam, bekam einer der Jungen einen epileptischen Anfall. Und da nur eine Betreuerin im Haus war, fingen auch die anderen Jugendlichen – jeder auf seiner Art – sofort an zu toben. Es entstand ein totales Chaos. Da erschien die erwähnte Dame in der Tür – mit einem Putzlappen in der Hand. Sie bückte sich und fing an, die Sockelleisten abzustauben! Je weiter sie vorrückte, desto ruhiger wurde es im Raum. Als sie damit fertig war, hatten sich alle beruhigt, ohne dass nur ein Wort gesagt worden war.

Durch ein solches Beispiel können wir vielleicht erahnen, wie die Alchemie in früheren Zeiten einmal gewirkt haben mag, ja wie eine Verwandlung der Stofflichkeit möglich war, weil der Alchemist das Geistige völlig mit dem Substanziellen verbinden konnte. Geistiges wird durch das Tun der Menschen auf der Erde real.

Für Ita Wegman, eine Pionierin der Anthroposophischen Medizin und Gründerin des Klinisch Therapeutischen Instituts in Arlesheim, gehörte die Hauswirtschaft und die Art wie sie gepflegt wird, grundsätzlich zum Therapieansatz. Peter Selg, erzählte in einem Vortrag bei der Zweiten Internationalen Putzfachtagung am Goetheanum in 2006 wie wichtig ihr die Hauswirtschaft als Aufgabefeld war und zwar vom ersten Kliniktag an. Sie schrieb in einem Brief an Ludwig Noll, einen anthroposophischen Arzt, den sie um Mitarbeit bei der Gründung der Klinik bat: „Ich selber bin trotz meines medizinischen Studium bewandert in der Haushaltung und in der Diätküche, könnte also Haushälterinnen sehr gut anlernen und beaufsichtigen.“

Für Ita Wegmann war die innere Haltung im Umgang mit Räumen wesentlich, denn die Räume sind für die Menschen da, sind dafür da, dass etwas Menschliches in ihnen geschieht. Es ging ihr dabei auch um die Würde der Dinge, auch da, wo es darum ging, wie mit dem Geld und mit dem Essen zu verfahren sei, wie das mit der Küche und dem Umbau gehen sollte, wie das mit der Heizung funktionieren sollte, den Gärtnern und mit dem ganzen Umraum der Klinik – Ita Wegman war unsäglich damit beschäftigt. Manchmal kann man geradezu den Eindruck bekommen: Ita Wegman, die Ärztin, war eigentlich vor allem damit beschäftigt, die Voraussetzungen zu schaffen, dass überhaupt geheilt werden konnte. Das Heilen – wenn man darunter nun den weisen Arzt versteht, der mit tiefernsten Blick die entscheidende Substanz verabreicht – machte zeitlich gesehen nur einen kleinen Bruchteil ihres Tages aus. Viel mehr Kraft und Zeit ging in die Bereitung des Umraumes, ja der Räume – im weitesten Sinne. Wahrscheinlich hätte sie selber gesagt: es gehe darum die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die heilenden Kräfte und die heilenden Geister überhaupt wirken können. Dadurch behielt die Klinik immer eine entschieden therapeutische Atmosphäre. Ita Wegman sorgte für Reinlichkeit, besser, für Reinheit der Räume, in gewisser Weise für Reinheit der Gesinnung.[i]

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[1] Kahlil Gibran, libanesisch-amerikanischer Maler, Philosoph und Dichter, geb. 6. Januar 1883 im damaligen Osmanischen Reich, heute Libanon; verstorben am 10. April 1931 in New York City.[2] Siehe Anmerkung 7.[3] Alexander, Sybille: Der Mönch aus Iona, Kapitel: Das Mädchen ohne Furcht, Stuttgart 1997.[4] Steiner, Rudolf: Die drei Wege der Seele zur Christus (GA 143), Dornach 41994, Vortrag vom 17. Dezember 1912: Die Liebe und ihre Bedeutung in der Welt.

[i] Selg, Peter Prf.Dr.Med, Fachartz für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Leiter des Ita Wegman Archivs in Arlesheim, Tagungshandbuch zu Putzfachtagung 2006, Vortrag vom 28.4.2006

Über

Linda Thomas

Linda Thomas entwickelte eine Arbeitsphilosophie, die das Putzen in Pflegen verwandeln kann und setzte einen deutlichen Impuls für eine Umwandlung im Denken und Handeln, sowie für ein erweitertes Selbstverständnis der Haushaltungstätigkeit.

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